Einspurig unterwegs…

Fernweh, Abseits der Piste, Motorrad

Hafen Norddeich

Seine letzte große Fahrt

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Heute bin ich in der Garage, um unsere Motorräder startklar zu machen. Wir wollen eine kleine Tour durch die Republik fahren. Unser Ziel ist Norddeich. Norddeich war früher bekannt durch den Küsten-Seefunk über „Norddeich Radio“. Von hier konnten Angehörige Kontakt zu den Schiffen aufnehmen noch bevor es die Satellitentelefone gab und bevor Schiffe über GPS immer zu orten waren.

Da mein Vater Schiffskoch war, hatte ich das Glück einen Teil meiner Kindheit auf Schiffen verbringen zu dürfen. Die Mannschaft, das Schiff, der Hafen, all das schien wie eine große Familie zu sein. Es kommen Erinnerungen auf: die Jahre bei Sloman Neptun, die Flora, Mackintosh, der Umbau der Flora zum DRK Schiff, die Dorsch, Büttner, wie sich das Schiff durch das Eis vor Finnland schiebt; Bremen, der Überseehafen, der heute zum großen Teil zugeschüttet ist; Hamburg, der Michel, der Duft von frischem Kaffee.

Unser Urlaub liegt nun schon einige Zeit zurück und der Wunsch mit Christina einfach los zu fahren hat sich im Herzen noch tiefer verankert. Afrika, jetzt wo wir eine kleine Prise von diesem Kontinent schnuppern durften, ist die Sehnsucht noch größer geworden. Ist das ein Teil des Vermächtnisses meines Vaters? Die innere Unruhe? Motorrad, Abendteuer, Zelt und los?

Wir haben ein paar Tage Zeit, daher nehmen wir alles an Equipment mit. Wer weiß, was sich in den Tagen noch ergibt. Gegen 13 Uhr fahren wir los. Erst einmal auf die Autobahn, raus aus dem Ländle Kilometer machen. Leider ist das Wetter nicht überall in Deutschland so schön wie bei unserer Abfahrt. Eigentlich wollten wir über den Thüringer Wald Richtung Norden fahren und dort Zelten, aber laut Wetterkarte ist dort heftiger Regen zu erwarten. Im westlichen Teil sieht es deutlich besser aus. Kurzer Hand beschließen wir nach Nörvenich zu Torsten und Martina zu fahren um dort einen Boxenstopp einzulegen. Doch bis Nörvenich liegen noch ein paar Kilometer vor uns. Zwischen Bingen und Koblenz fahren wir am Rhein entlang und wechseln mit der Fähre ein paar mal die Rheinseite. Eine einfache und feine Abwechslung. Gegen 20:30h ist unser erstes Etappenziel erreicht. Mit einem „Sturmklingeln“ kündige ich unsere Ankunft an. Der Grill ist angeheizt und leckere Bratwürste runden diesen besonderen Abend mit Freunden ab.

Als Christina und ich am nächsten Morgen wach werden ist Torsten schon los zur Arbeit. Den Morgen verbringen wir mit Martina. Es gibt viel zu erzählen. Gegen Mittag brechen wir auf. Martina versorgt uns noch mit Reiseproviant für die nächsten 300km weiter Richtung Norden. Unser heutiges Ziel ist Sulingen. Mein Vater wird schon in Norddeich sein. Bis Münster fahren wir Autobahn, dann biegen wir ab auf die Landstraße. Wir fahren durchs Münsterland, ein kleines Stück durch den Teutoburger Wald und dann durchs Osnabrücker Land. Hier waren wir schon lange nicht mehr unterwegs. Am frühen Abend erreichen wir Sulingen. Es war eine schöne Anreise mit vielen Gedanken über die Zeit, die Vergänglichkeit und wie schnell alles gehen kann.

Am Samstagmorgen fahren wir bei schönstem Wetter mit der ganzen Familie nach Norddeich. Ich habe noch sechs Geschwister. Wir alle sind sehr unterschiedlich. Ich bin der einzige Biker. Nach einer kleinen Irrfahrt durch den Hafen kommen wir am Pier an, wo die MS Pax Mare liegt. Wir gehen alle an Board. Mein Vater ist schon dort. Es ist seine letzte große Fahrt. Bei Sonnenschein rollt das Schiff mit den Wellen mit, vorbei an den Robbenbänken. Zwischen Juist und Norderney, schlägt die Glocke achtmal zur Wachablösung. Mein Vater gleitet dahin, dreimal noch wird das Horn geblasen: „Lebe Wohl“.

2 Kommentare

  1. Deinem Papa hätte dieser Brief sicher gut gefallen :) drück Dich

  2. es freut mich das >Ihr eine schöne kleine Fahrt hattet, Deinem Vater lebwohl zu sagen und ihn zu verabschieden auf seine letzte große Fahrt. Wäre gerne dabeigewesen….kommt wieder wohlbehalten zurück wir sind bei Euch

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